Heute sind Infektionswege eindeutig nachzuzeichnen, mit Sterilisation, Desinfektion und Antibiotika glaubte man lange, alles im Griff zu haben. Dagegen sprechen Krankenhausinfektionen, zum Teil mit Keimen, gegen die viele verfügbare Antibiotika nicht mehr wirken. Ein bekannter Vertreter ist der MRSA, Methicillin-resistene Stämme vom Staphylococcus aureus, ein gewaltiges Problem in der Bundesrepublik.
MRSA werden genauso wie nichtresistente Stämme auch von Personen weitergetragen, die nicht durch sie erkranken. Diese Bakterien besiedeln Nasen- und Rachenschleimhaut – und können für immungeschwächte Patienten, etwa über Wunden, Katheter oder Beatmungsgeräte, lebensgefährlich werden. Übertragen werden sie – genauso wie andere Keime – aber auch durch Hände, Stethoskope, Blutdruckmeßgeräte ... Die »Aktion saubere Hände«, Anfang 2008 hierzulande gestartet, soll deshalb einer »uralten« Methode, der Hygiene, wieder zur notwendigen Umsetzung verhelfen. Zumal es die preiswerteste ist, in Kliniken Leben zu retten und Komplikationen zu vermeiden. Noch aber kann Dr. Christiane Reichardt von der »Aktion saubere Hände« keine greifbaren Ergebnisse nennen. Auf jW-Nachfrage wirbt sie um Verständnis für die unter enormem Arbeitsdruck stehenden Schwestern und Ärzte auf Station. »Um eine entsprechende Compliance zu entwickeln, um Auswirkungen zu sehen, braucht man schon zwei bis drei Jahre«. Mit dem Fremdwort ist hier nicht die Bereitschaft der Patienten gemeint, an der Genesung mitzuarbeiten, sondern die der Mediziner in Sachen ordentlicher Händedesinfektion. »Wir sind froh, daß sich bisher rund 600 Kliniken überhaupt bereiterklärt haben, sich an der Aktion zu beteiligen. Sie bekommen dafür keinerlei Vergütungen. Die Händedesinfektion erfährt im stationären Alltag keine Wertschätzung, zum Teil ist die Ausstattung auch nicht dazu angetan. Und es existieren keine gesetzlichen Vorgaben. Wir haben eine einzige Arbeitsschutzrichtlinie, nach der am Waschplatz ein Spender für Desinfektionsmittel vorhanden sein muß.« Wenn Kliniken sich an der Aktion beteiligen, verpflichtet sich die Leitung freiwillig, zum Beispiel klare Hinweise zu geben, wann – und wie gründlich – die Hände zu desinfizieren sind, nämlich vor Patientenkontakt, vor aseptischen Tätigkeiten, nach Kontakt mit potentiell infektiösen Materialien, nach Patientenkontakt, nach Kontakt mit Oberflächen in unmittelbarer Patientenumgebung. Und die »Chefetage« sorgt für genügend Händedesinfektionsmöglichkeiten. Der unmittelbare Zugriff ist Grundsvoraussetzung, gerade bei großer Arbeitsdichte. In der »Aktion saubere Hände« wird auf Intensivstationen an jedem Patientenbett ein Spender in weniger als zwei Meter Abstand, auf Nichtintensivstationen einer pro zwei Betten empfohlen. Oder Flaschen für die Kitteltasche. Um den Effekt verbesserter Händedesinfektion auf die Menge der in der Klinik erlittenen Infektionen zu belegen, werden die bereits in KISS, dem anonymen »Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System«, verankerten Kliniken aufgefordert, an der Aktion teilzunehmen. Sie verfügen über das nötige Überwachungsinstrumentarium, um Veränderungen zu erfassen.
Dr. Reichardt ist jW gegenüber jedenfalls überzeugt, daß es »in den nächsten fünf bis zehn Jahren enorme Veränderungen geben wird, weil der Druck so groß ist«. Nicht nur durch die Kosten, obwohl die sich mit den DRG (einer Art Fallpauschale, jW) für das Krankenhaus bei solchen nosokomialen Infektionen erhöhten. Sondern auch, weil es hervorragende internationale Beispiele gäbe, an denen man in hiesigen Häusern nicht vorbeikomme. Zu den Staaten mit einer guten Praxis zählen die Niederlande und Dänemark, wie in dem kürzlich wiederholten WDR-Beitrag »Killerbrut« deutlich wurde. Auf die Frage, warum es in Deutschland nicht möglich sein soll, ähnlich stringent vorzugehen, argumentierte Dr. Reichardt mit dem Unterschied, den es für einheitliches Handeln gebe angesichts von 17 oder 18 Krankenhäusern in einem Staat oder eben 2000. Aber »bestimmte Dinge in Sachen Hygiene gesetzlich zu stützen«, das sei schon wünschenswert. Ebenso wie mehr Personal und »Experten in jedem Haus, die die Vergabe von Antibiotika überblicken und mit ihrem Fachwissen zur Verfügung stehen«. In den Niederlanden, wurde in dem WDR-Film betont, überwacht der Facharzt für Mikrobiologie nicht nur die Einhaltung der strengen Hygienevorschriften, sondern auch den Einsatz von Antibiotika bei den Patienten. »Warum soll das nicht auch bei uns gehen?!« forderte Dr. Klaus-Dieter Zastrow vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene in dem Fernsehbeitrag. Er prangerte die völlige Überforderung der Gesundheitsämter in deren Kontrollfunktion und insbesondere das Hin- und Herschieben der Verantwortung zwischen Bund und Ländern an. Erst einige wenige hätten überhaupt eine Hygieneverordnung. Als Patient werde man nie über das Risiko einer Krankenhausinfektion aufgeklärt, kritisierte der Fachanwalt für Arzthaftungsrecht Dr. Burkhard Kirchhoff vor der Fernsehkamera. Der Patient könnte unter Hygienegesichtspunkten keine Klinik wählen. Dem stimmte auch Dr. Reichardt im jW-Gespräch zu. Es sei für Kranke »unmöglich herauszufinden, ob Klinik A hier besser als B« sei. Wenigstens das Vorhandensein eines eigenen Krankenhaushygienikers sollte dafür sprechen, sei aber auch keine Garantie. In Großbritannien habe man Patienten ermutigt, das Personal anzusprechen: »Bitte, desinfizieren Sie Ihre Hände«. Das sei aber überhaupt nicht gut angekommen. Und auch hierzulande seien die Belastungen für Schwestern und Ärzte dramatisch gewachsen, es gebe große Probleme mit Burnout und viel zu wenig Stellen angesichts von immer kränkeren Patienten. »Deshalb sanktionieren wir auch nicht innerhalb der ›Aktion Saubere Hände‹. Aber es wird sich etwas bewegen.«
Quelle: Junge Welt.de, 3.11.2009